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Wird Kultur überbewertet ?

NoToM

Intendant der Gebäude
13. Januar 2003
852
Um die eigene Kultur zu be(er)halten wird gemordet, Kriege geführt, ausgegrenzt, eingeigelt, ganz egal obwohl vielleicht viele Bestandteile dieser Kultur auf Gedankengut gründet, welches hunderte oder gar tausende Jahre alt ist.

Ein gutes Beispiel ist mein Heimatland, die Schweiz. "Ein Volk von einig Brüdern" wurde vor über 700 Jahren geschworen, viele Schlachten gekämpft und bis Heute lebt dieses Gedankengut in uns weiter und bildet die Basis unserer Kultur und beeinflusst unser Verhalten. Wir grenzen uns zB. bewusst vom restlichen Europa ab oder der urtypische Kantönligeist ist ein weiteres Beispiel dafür. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, mag ich an dieser Stelle nicht beurteilen.

Die Schweiz halte ich jedoch noch für ein eher harmloseres Beispiel.
Nemen wir mal die USA, ein Land, gebaut auf dem Glauben an Freiheit und auf den Glauben an unbegrenzte Möglichkeiten. Die Gründungväter meinten es bestimmt gut. Doch diese Kultur bringt immer mehr ihre Schattenseiten an den Tag, und damit meine ich jetzt nicht nur ihre aggressive Aussenpolitik. Ich meine auch zB. den Drang nach Waffen und grossen Autos, ihre Umweltpolitik, das riesige soziale Gefälle usw. Man hält aber Stur daran fest, es ist ihre Kultur.

Ich denke, man könnte für jedes Land solche Beispiele bringen, wo der Erhalt der aktuellen oder vergangenen Kultur wichtiger ist als zB der Erhalt der Umwelt, was längerfristig bestimmt wichtiger wäre.

Haben wir Menschen dermassen Angst vor Neuem, das wir uns so lange wie möglich hinter dem Alten verstecken müssen ? Ich meine, wenn wir wollten, hätten wir viele schwerwiegende Probleme schon lange lösen können, oder ? Man bleibt aber lieber Stur, ist Patriot um der eigenen Indentität willen, unterstüzt seine Kultur und sei sie noch so veraltet oder fehlerhaft.

Was meint ihr ? Ist Euch die Kultur Eures Landes wichtig und wenn ja, warum ?

NoToM
 

agentP

Ritter Kadosch
10. April 2002
5.361
Ich glaube nicht, daß die Kultur überbewertet wird, sie wird eher völlig unterschätzt. Auf der einen Seite passiert natürlich das, was Du oben ansprichst, nämlich, daß die Kultur als Wert verkauft wird und damit alles Mögliche gerechtfertigt wird. Dies ist aber meiner Meinung nach schon nicht mehr möglich, wenn man nur mal darüber nachdenkt, wie diffus der Begriff der Kultur ist. Hast Du schonmal versucht diesen Begriff zu definieren ? Sehr deutlich wurde das doch vor ein paar Jahren im Zuge dieser unseligen Leitkulturdiskussion, wo auch ständig irgendjemand von Kultur sprach, aber keiner sagen konnte was damit eigentlich gemeint sein konnte. Zusätzlich erschwert wird das Ganze noch dadurch, daß Kultur nichts statisches, sondern etwas dynamisches ist und auch nicht etwas, das ohne Input auskommt. Eine Kultur die sich isoliert und von allen Einflüssen abschottet, fällt zusammen, wie ein Heisslusftballon, dem die Flamme abgedreht wird. Insofern wird Kultur als Antrieb für die Politik tatsächlich überbewertet.
Auf der anderen Seite wird der Einfluß der Kultur aber auch unterbewertet, zB wenn es darum geht woher gewisse Verhaltensweisen und Traditionen zu erklären. In wie vielen Diskusssionen im Bereich der Ethik, zB wird immer noch mit dem Begriff "Natürlichkeit" argumentiert, obwohl jahrtausende der Kultur von dieser fast ebenso diffusen "Natürlichkeit" nix mehr übriggelassen oder zumindest unwiederbringlich verschleiert haben was denn nun aus unserer Kultur und was aus unserer Kultur stammt.
 

NoToM

Intendant der Gebäude
13. Januar 2003
852
agentp schrieb:
Hast Du schonmal versucht diesen Begriff zu definieren ?
Ja - und es ist natürlich schwierig...was ich meine ist:

>>Mit der Entwicklung der Frühkulturen, aus denen die Hochkulturen entstanden, verschiebt sich der Sinn des Kulturbegriffs und dehnt sich auf das Ganze der sozialen Einrichtungen, Gebräuche und Lebensordnungen aus.<<

agentp schrieb:
Eine Kultur die sich isoliert und von allen Einflüssen abschottet, fällt zusammen, wie ein Heisslusftballon, dem die Flamme abgedreht wird.
Da wäre ich mir nicht so sicher, im Gegenteil, die Verwässerung der eigenen Kultur ist viel geringer, oder ?

agentp schrieb:
Insofern wird Kultur als Antrieb für die Politik tatsächlich überbewertet.
Auf der anderen Seite wird der Einfluß der Kultur aber auch unterbewertet, zB wenn es darum geht woher gewisse Verhaltensweisen und Traditionen zu erklären. In wie vielen Diskusssionen im Bereich der Ethik, zB wird immer noch mit dem Begriff "Natürlichkeit" argumentiert, obwohl jahrtausende der Kultur von dieser fast ebenso diffusen "Natürlichkeit" nix mehr übriggelassen oder zumindest unwiederbringlich verschleiert haben was denn nun aus unserer Kultur und was aus unserer Kultur stammt.

Verhaltensweisen anhand der Kultur zu erklären, ergibt einfach zu oft keinen Sinn. Viele Konflikte gründen auf Ereignisse längst vergangener Tage und auch vergangener Kulturen und sind vielleicht emotional aber nicht rational erklärbar. Viel zu viel historischer Ballast wird immer wieder mitgeschleppt. Schwer zu erklären, was ich meine...hmmm
 

agentP

Ritter Kadosch
10. April 2002
5.361
Da wäre ich mir nicht so sicher, im Gegenteil, die Verwässerung der eigenen Kultur ist viel geringer, oder ?
Was ist die eigene Kultur ? Nur mal ein Beispiel: Recht typisch für die deutsche Kultur ist Blasmusik, oder ? Die Instrumente und teilweise auch die Harmonielehre dieser Musik ist aber nicht hierzulande entstanden, sondern wurde von den Janitscharen aus der Türkei mitgebracht und fand über den Balkan und Österreich den Weg über die Alpenländer nach Deutschland und zwar erst vor schlappen 400 Jahren. Ist das nun Teil unserer Kultur ? Der berühmte Döner Kebap wurde nicht in der Türkei erfunden, sondern in Berlin vor ca 35 Jahren und wird nirgends auf der Welt in solchen Mengen verkauft wie in Deutschland. Welcher Kultur würdest Du in zurechnen ?
Oder mal andersrum gefragt: Was hat die bayerische Kultur mit Lederhose und Jodeln mit der Kultur auf einer friesischen Hallig zu tun ?
Wenn Du davon sprichst, daß man "die eigene Kultur" verwässern kann, dann sag mir bitte was ist diese eigene Kultur ? Die Lederhose oder die Elbschiffermütze, die Blasmusik oder der Döner ?

Verhaltensweisen anhand der Kultur zu erklären, ergibt einfach zu oft keinen Sinn. Viele Konflikte gründen auf Ereignisse längst vergangener Tage und auch vergangener Kulturen und sind vielleicht emotional aber nicht rational erklärbar.
Nein, aber dafür gibt es ja auch die vergleichenden Kulturwissenschaften, die Phänomene in verschiedenen Kulturen vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten und so Ansätze liefern. Hat man verschiedene Kulturen in denen sich solche Phänomene finden, kann man man diese vergleichen und auch vergleichen, welche wirtschaftlichen, sozialen oder historischen Parallen sich ziehen lassen und daraus wieder Rückschlüsse auf die eigene Kultur ziehen.
 
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