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WIR HABEN ZEHN MINUTEN FÜR SECHS LÜGEN

samhain

Ritter Rosenkreuzer
10. April 2002
2.774
lesenswerter artikel aus der berliner zeitung vom wochenende:

Datum:
08.02.2003

Ressort:
Magazin

Autor:
Peter Münder

WIR HABEN ZEHN MINUTEN FÜR SECHS LÜGEN

Ein unbemanntes US-Spionageflugzeug ist über China abgeschossen worden, Verteidigungsminister MacNamara soll den Fall vor der Presse klarstellen: "Wir haben genau zehn Minuten, um sechs Lügen zu fabrizieren, die er den Medien dann präsentieren kann", erklärt MacNamaras Stellvertreter John McNaughton dem Pentagon-Berater Daniel Ellsberg, dem auf Anhieb mehrere "plausible" Erklärungen einfallen, die er auch sofort zu Papier bringt: 1. Es war keine unserer Drohnen 2. Wahrscheinlich kam sie aus Taiwan 3. Es war ein Versuchsflugzeug 4. Es war eine fliegende Wetterstation, die vom Kurs abkam ... usw. "Das Lügen bereitete mir keine Probleme", schreibt Ellsberg offenherzig in seinem jetzt in den USA erschienenen Buch "Secrets", "was mich nervös machte, war die Tatsache, dass viele Behauptungen so leicht nachprüfbar waren und als unwahr entlarvt werden konnten. Aber die Journalisten, selbst die besten, hatten einfach keine Ahnung, wie oft sie belogen wurden."

Da die Politkaste der Ansicht war, über brisante Informationen nach Gutdünken verfügen zu können, waren der Arroganz der Macht keine Grenzen gesetzt. So konnten Nixon und Kissinger die Öffentlichkeit über die heimlich angeordnete Bombardierung von Laos und Kambodscha ebenso systematisch täuschen wie Lyndon B. Johnson, der entgegen allen internationalen Abkommen immer mehr "Berater" und Bodentruppen nach Vietnam schickte.

Im Verlauf des Vietnamkrieges erfuhr Ellsberg immer wieder von dreisten Lügen. Er berichtet, wie geschmeichelt er sich fühlte, als er auf einem langen Flug von Saigon nach Washington gebeten wurde, seine kritischen Vietnam-Dossiers an MacNamara weiterzureichen, der diese begierig las. Ellsberg und sein Boss waren sich darüber einig, wie hoffnungslos sich die Lage in Vietnam für die Amerikaner entwickelt hatte. Doch dann stellte sich MacNamara nach der Landung noch auf dem Rollfeld vor die Mikrofone und erklärte der Presse: "Wir werden die Vietkong in kurzer Zeit vernichtend schlagen."

Gleich an seinem ersten Arbeitstag im Pentagon, dem 4. August 1964, wurde Ellsberg mit einer Lüge konfrontiert, die von historischer Bedeutung werden sollte - das war der von der Marine provozierte Tonking-Zwischenfall. Der angebliche Beschuss des Zerstörers "Maddox" durch nordvietnamesische Torpedos, von US-Geheimdiensten erfunden, führte zu Kongressresolutionen, die Präsident Johnson weit gehende Vollmachten für Bombenangriffe auf Nordvietnam einräumten und einer Kriegserklärung gleichkamen.

Die Mechanismen von Täuschung, Geheimniskrämerei und Eskalation der Militärmaschinerie sieht der inzwischen 71-jährige, in Berkeley lebende Daniel Ellsberg auch in der Irak-Krise wieder am Werk. Als er im Dezember vor dem amerikanischen Uno-Büro in New York gegen die Irak- Kriegspläne der Bush-Administration protestierte und von der Polizei festgenommen wurde, wies er in Interviews (per Handy aus der Zelle des 17. Polizeireviers) auf Parallelen zum US-Engagement in Vietnam hin. Die geplante Intervention für den Aufbau demokratischer Strukturen sei eine absolut lächerliche Begründung, erklärte er dem Sender CBC. So habe man damals auch argumentiert, um das korrupte Diem-Regime zu stützen.

Er habe als Vietnam-Experte viel zu lange gebraucht, um zu erkennen, welch ein hoffnungsloser Fall das amerikanische Vietnam-Abenteuer war, bekannte Ellsberg selbstkritisch. "Diesmal ist alles noch schlimmer, weil es sich beim geplanten Angriff auf den Irak um einen Präventivkrieg handelt, der kriminell wäre und ein Verbrechen gegen den Frieden darstellen würde. Natürlich ist Saddam ein Diktator, der vielleicht auch Massenvernichtungswaffen besitzt. Aber Stalin und Mao hatten auch solche Waffen und Kim Song Il besitzt sie auch. Ich war nie für einen präventiven Erstschlag, das wäre damals furchtbar und gefährlich gewesen und ist es heute auch noch." Die Behauptung, die Kurden würden für eine US-Intervention im Irak plädieren, hält Ellsberg für eine plump fabrizierte Legende. Schließlich gab es ja schon im letzten Golfkrieg Pläne, mit den Kurden das irakische Regime zu beseitigen, was man aber angesichts der chaotischen Situation mehrerer zerstrittener, sich gegenseitig bekämpfender Kurdenfraktionen wieder aufgab. Auch sei es abwegig, einen Irak- Feldzug mit der Bekämpfung des Terrorismus zu begründen - eine Invasion im Irak wäre eine Steilvorlage für Bin Laden und die El Kaida. Sie würden mit Bildern getöteter Frauen und Kinder den gesamten Nahen Osten gegen die USA mobilisieren können.

Als Ellsberg 1971 die geheime, 7 000 Seiten starke Pentagon-Studie über Vietnam an die Öffentlichkeit brachte - die New York Times veröffentlichte Auszüge -, beauftragte Nixon sofort seine berüchtigte Klempner-Brigade (die ihm dann die Watergate-Affäre bescherte), Ellsbergs Telefone anzuzapfen und sich mit einem Einbruch bei dessen Psychiater Ellsbergs Krankengeschichte zu verschaffen. Es folgte die Anklage vor dem Supreme Court, die dann auf Grund der kriminellen Machenschaften des Weißen Hauses mit einem Freispruch endete.

Der von Nixon als "Hundesohn" verfluchte Ellsberg kennt die geheimen Kriegsszenarios und militärischen Sandkastenspiele, die auch den Einsatz taktischer Nuklearwaffen vorsehen, genau. Ellsberg weiß also, wovon er spricht, wenn er sich jetzt an Insider richtet und sie auffordert, genau diese geheimen Planspiele eines Irak-Angriffs zu verraten. Er wolle zwar nicht als messianischer Musterknabe dastehen, der einen solchen vermeintlichen Geheimnisverrat praktiziert und zum vorzeitigen Ende des Vietnam-Krieges beigetragen habe. "Aber nur so können wir die Öffentlichkeit mobilisieren und das Schlimmste verhindern. Denkbar ist doch etwa, dass der Irak nach einem amerikanischen Bombenangriff Giftgas einsetzt, Tausende von Gls tötet und die US- Militärs daraufhin den Einsatz taktischer Atomwaffen befürworten."

Same procedure as in the last war? Ellsberg hatte sich, als die Eskalation in Vietnam bis hin zur Verminung von Haiphong und der Bombardierung von Hanoi noch längst nicht absehbar war, die "worst case"-Szenarios von US-Militärstrategen erläutern lassen. Wie würden die USA auf Militäraktionen Chinas oder der Sowjetunion zur Unterstützung Nordvietnams reagieren? "Natürlich mit taktischen Atomwaffen", entschieden die Militärs in ihrem geheimen Dossier, "wir sind den Chinesen zahlenmäßig weit unterlegen und können nur mit Atomwaffen adäquat reagieren". Und mit welchen Verlusten müsste man bei einem Atomschlag rechnen? "So zwischen 275 Millionen und ca. 350 Millionen Tote wird es wohl geben, vielleicht auch hundert Millionen mehr, je nachdem in welche Richtung der Wind die radioaktiven Staubwolken trägt", hieß es in der Geheimstudie. Da gingen dem Strategen der Rand Corporation, der ursprünglich nur analysieren wollte, wie Entscheidungsprozesse in großen Bürokratien zu Stande kommen, endgültig die Augen auf: "So eine Geheimstudie hätte es nicht geben dürfen", schreibt Ellsberg. "Der Lauf der Geschichte hätte so etwas einfach nicht zulassen dürfen."

Nicht nur das fehlende Geschichtsbewusstsein amerikanischer Politiker und Militärs hatte laut Ellsberg zu grotesken Fehlentscheidungen geführt, die sich nahtlos an die französische Kolonialzeit anschlossen. Eine Hierarchie, die sich am Wunschdenken der Entscheidungsträger orientierte und nicht wagte, abweichende, kritische Meinungen oder Proteste zu äußern, musste zwangsläufig auf Lügen, Vertuschen und Geheimniskrämerei zurückgreifen, um nicht den Anschein zu erwecken, versagt zu haben.

"Man muss doch kein Ichthyologe (Fischkundler) sein, um zu begreifen, wann ein Fisch stinkt" - zu dieser Erkenntnis war Ellsberg schon während seines ersten Vietnam-Trips im Herbst 1961 gekommen, als er die politischen und militärischen Fortschritte der Amerikaner in Vietnam analysieren sollte. Damals hatte er zwar schon einen "Geruch von Fäulnis und völligem Versagen" über all den Akten, Berichten und frisierten Prognosen wahrgenommen. Doch es dauerte noch fast zehn Jahre, bis aus dem Saulus, der am Anfang seiner Karriere ein dezidierter Kalter Krieger war, eine pazifistische Taube geworden war. Der Mann war für Nixon und andere unbelehrbare Bellizisten so gefährlich, weil er absolut glaubwürdig war: Ellsberg war ja nicht nur der brillante Harvard-Absolvent, den auch "New York Times"-Reporter David Halberstam in seiner Studie "The Best and the Brightest" ("Die Besten und die Klügsten") mit Bewunderung und Respekt charakterisiert, auch wenn er ihn, wohl wegen seiner Unnachgiebigkeit, als "Dostojewski-Figur" bezeichnet. Ellsberg war auch Kommandeur bei den Marines gewesen, er stürzte sich während seines zweijährigen Vietnam-Aufenthaltes mehrmals mit den Soldaten ins Schlachtgetümmel und fuhr lieber, wenn alle anderen sich nur einen flüchtigen Blick aus dem Hubschrauber gönnten, mit dem Auto in entlegene und umkämpfte Gebiete, um sich ein realistisches Bild der tatsächlichen Bedingungen vor Ort zu machen.

Selbstkritisch und nachdenklich wird er bei einem Einsatz Anfang 1967, als er mit einer Kompanie durch ein Reisfeld marschiert und von einem etwa 14-jährigen, mit einer AK 47 bewaffneten Jungen unter Beschuss genommen wird. Da dämmerte es ihm, dass die Amerikaner sich wie die französischen Kolonialisten benahmen, in Vietnam nichts zu suchen hatten und diesen Krieg auch nie gewinnen konnten. Doch die Frage "Mit welchem Recht kämpfen wir hier eigentlich?" war damals ein Tabuthema. Denn der gedankenlose Automatismus, der alle wichtigen Entscheidungsprozesse beeinflusste und seit Eisenhower und McCarthys Hetzjagd auf Kommunisten vom militärisch- politischen Establishment als unumstößliche Weisheit nachgebetet wurde, lautete: "Wir dürfen Vietnam nicht verlieren, weil wir sonst im Kampf gegen den weltweit expandierenden Bolschewismus unglaubwürdig wären."

Ellsberg führt das Vietnam-Fiasko auf einen "Anti-Learning"-Mechanismus und ein fehlendes Geschichtsbewusstsein auf allen institutionellen Ebenen zurück. Im Gespräch mit Robert Kennedy erfuhr er, dass John F. Kennedy sich zwar schon 1951 bei ihrem gemeinsamen Besuch in Vietnam (als junger Senator) geschworen habe, niemals die Fehler der französischen Besatzer in Vietnam zu wiederholen. Doch trotz aller Vorsätze erlag auch Kennedy der Angst, als Loser dazustehen im Kampf gegen das Böse, das damals noch von Chruschtschow verkörpert wurde. Die Amerikaner hatten sich nie eingelassen auf eine andere Kultur und nie begriffen, dass die Vietkong mit ihren aus alten Autoreifen gebastelten Gummisandalen sich den amerikanischen Hightech-Kriegern trotz heimtückischer Napalm- und Agent-Orange-Einsätze nie ergeben würden.

Von der Angst des Cowboys vor dem Loser-Image sei Präsident Bush heute genauso erfasst wie damals Kennedy, Johnson und Nixon. Statt der roten oder gelben Gefahr soll heute der islamistische Terror erfolgreich bekämpft werden. Mit ähnlicher Gedankenlosigkeit wie damals in Vietnam will man sich, so Ellsberg, in ein Abenteuer stürzen, ohne langfristige Perspektiven entwickelt zu haben.

Ellsberg entwirft das Szenario eines aktuellen Tonking-Zwischenfalls: "Ich glaube, Rumsfeld und Cheney setzen unsere Truppen als Köder ein, um einen irakischen Angriff zu provozieren und dann genau wie Johnson damals behaupten zu können, dass er nur den Schutz amerikanischer Soldaten gewährleisten wollte. Er möchte gern sagen können: Ich bombardiere den Irak, weil wir Informationen darüber haben, dass Amerikaner jetzt unmittelbar gefährdet sind."

Daniel Ellsberg: Secrets. Viking Verlag, New York, 498 S., 29.95 Dollar

David Halberstam: The Best and the Brightest. Ballantine Books, New

York, 689 S., 16 Dollar

wahnsinn, sie gehen wirklich über leichen, selbst an die 400 millionen haben sie damals bei einem eventuellen atomschlag einkalkuliert.
das wird heute nicht anders aussehen...
 

Tominaitor

Geheimer Sekretär
31. Juli 2002
657
samhain schrieb:
wahnsinn, sie gehen wirklich über leichen, selbst an die 400 millionen haben sie damals bei einem eventuellen atomschlag einkalkuliert.
das wird heute nicht anders aussehen...
da kann man eigentlich nur sagen, stimmt, da gebe ich dir recht...leider *g*
 
G

Guest

Gast
Ja jaaa, die bösen Amis. Welche Lüge würde nötig sein um den Amis ein drüberzubraten zu können?
 
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