Infantilisierung der Gesellschaft

Dieses Thema im Forum "Zeitgeschehen, Politik und Gesellschaft" wurde erstellt von Popocatepetl, 12. September 2019 um 11:55 Uhr.

  1. Popocatepetl

    Popocatepetl Groß-Pontifex

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    bin da über einen intressanten text aus dem jahre 1997 gestolpert, den ich einfach mal zur diskussion stellen mag.

    http://www.humanistische-aktion.de/infantil.htm

    wenn man das so ließt, man wusste also damals schon bescheid. kann man da also von geplanter infantilisierung sprechen ?
     
  2. Shishachilla

    Shishachilla Master of desaster

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    ja, klar.
     
  3. Popocatepetl

    Popocatepetl Groß-Pontifex

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    ach, deshalb hättest du gerne den kinderbuchautor als kanzler.... verständlich :)
     
  4. Shishachilla

    Shishachilla Master of desaster

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    Ich BIN der Kinderbuchautor deines Lebens. :lol:
     
  5. Sonsee

    Sonsee Großmeister-Architekt

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    Ich glaube nicht das sowas geplant wird, der Zeitgeist entwickelt sich "selbstständig". Immer weniger Verantwortung, ständige Selbstdarstellung und ein riesiger Haufen Narzissmus besorgen den Rest. Übrig bleiben seelische Krüppel, die nicht mehr wissen wozu sie überhaupt Leben.
     
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  6. Aragon70

    Aragon70 Erhabener auserwählter Ritter

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    Der Artikel scheint schon älter zu sein, die Personen die dort erwähnt werden sind alle längst im Ruhestand.

    Die Frage ist ob Infantilität das etwas schlechtes sein muß.

    Menschen die etwas infantil sind, auch mit 50 noch etwas kindisch, Spaß am Leben haben, sind gewöhnlich kein Terroristen, Islamisten, oder sonstwie Mitglieder einer Sekte die gerne mal die Welt in eine bestimmte Formel pressen wollen und allen ihre Regeln aufdrücken.
     
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  7. Popocatepetl

    Popocatepetl Groß-Pontifex

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    wie eingangs erwähnt und auch unter dem artikel steht, er ist von 1997, also gute 20 jahre, also quasi eine generation alt...

    es geht ja nicht um "etwas kindisch", das ist in meinen augen absolut kein problem. sondern wirklich auch um die verinnerlichung kindlichen verhaltens, inklusive trotzigem "ICH WILL ABER !!!" und generelle abgabe der verantwortung an irgendeine "höhere" autorität.

    mal der wiki artikel dazu:

    (bearbeitet)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Infantilismus

    ist ja nun logisch, das solche personen auch einfacher zu regieren sind, als (nenne es mal) wirklich mündige personen. die lassen ja alles mit sich machen, wenn es die scheinautorität im fernseher sagt...


    infantilisierung ist spannend. der allgemeine konsens in der bevölkerung ist ja eher "benimm dich wie ein erwachsener, dann wirst du auch wie einer behandelt !". leider ist es genau anders herum: behandel jemanden wie ein kind und er verhält sich auch so...


    und wie auch schon an schisha geschrieben, das sich alle plötzlich einen kinderbuchautor (!) als kanzler wünschen, und deutschland mehr und mehr zum takka tukka land wird, spricht bände...
     
  8. Lupo

    Lupo Meister des Tabernakels

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    Einen tollen Artikel hast Du da ausgegraben, PoCa. Und das stand mal im Spiegel? Meine Güte, da merkt man erstmal richtig, wie sehr das heutige Käsblatt dieses Namens abgebaut hat...

    Ich denke, ob die Infantilisierung ursprünglich einfach geschehen ist oder bewusst angestoßen wurde, ist aus heutiger Sicht ziemlich gleichgültig. Aber es ist ziemlich deutlich, dass es eine Strömung ist, die die heutige Politik sehr gut für sich auszunutzen weiß.

    Wesentliche Prozesse des Erwachsen-Werdens sind, dass man lernt, die eigentlichen Befindlichkeiten unter Kontrolle zu halten und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Man hört eben auf, immer nach den Eltern oder dem großen Bruder zu rufen, wenn man mal seinen Dickkopf nicht gleich durchsetzten kann. Man entwickelt eben seine eigene Souveränität, lernt es, die Souveränität anderer Menschen zu respektieren und entwickelt auch ein Gespür dafür, welche äußeren Eingriffe ins eigene Leben sinnvoll und notwendig und welche als übergriffig abzulehnen sind.

    In einer infantilisierten Gesellschaft nennt man es natürlich nicht „Dickkopf nicht durchsetzen können“, sondern irgendeine konstruierte „Minderheit diskriminieren“. Und an Stelle der Eltern oder des großen Bruders, der dem Anderen das ersehnte blaue Schippchen wegnimmt, kommt eben die Regierung, die dies per Gesetz und per Quote für eine „Gleichstellung“, für „soziale Gerechtigkeit“ oder welches Buzzword auch immer sorgt.

    Die entsprechende Politik ist ganz einfach zu realisieren: Sie muss sich ja nicht mit schwierigen Sachverhalten auseinandersetzen, sondern nur die Gefühle und Befindlichkeiten befriedigen. Dazu reicht ein bisschen Rethorik. Und ein entsprechend infantil gehaltenes Klientel bemerkt auch nicht, wie übergriffig die Politik mittlerweile geworden ist, wenn sie z.B. noch nicht mal mehr davor Halt macht, mit hinein zu reden, was auf dem Essensteller zu liegen hat. Eltern dürfen das eben.

    Heraus kommt dabei genau das Bild, was wir heute haben: Eine Politik, die sich im Wesentlichen damit begnügt, irgendwelche abstrakten Befindlichkeiten und Gefühle bestens zu bedienen.
     
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  9. Viminal

    Viminal Großer Auserwählter

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    Das war das Wesen der Politik zu allen Zeiten. Die Männer Europas z.B. sind doch nicht über Jahrhunderte ständig in Kriege für ihre Herrscher gezogen weil diese Kriege ihnen persönlich wirklich was gebracht haben, sondern weil die damalige Politik es verstand abstrakte Befindlichkeiten und Gefühle zu bedienen - wie z.B. Ehre fürs Vaterland oder der Wille Gotte usw.

    Ich persönlich muss sagen ich sehe zwar auch vieles was beim Konzept der Infantilisierung der Gesellschaft kritisiert wird ebenfalls kritisch, allerdings muss ich an dem Infantilisierungskonzept selbst folgendes kritisieren:
    1. Es werden als Beispiele im wesentlichen reißerische Einzelfälle aus dem Unterhaltungsbereich genommen oder aber eher überspitzte Stereotypen. Es wird nicht hinterfragt wie weit verbreitet dies tatsächlich ist und häufig wird auch nicht erklärt warum genau dies nun schlecht ist. Z.B. in dem verlinkten Artikel steht folgendes:
    Oh nein! Die althergebrachten Verhaltensweisen bestimmter Altersgruppen wird nicht eingehalten ... ok, aber was genau ist nun eigentlich schlecht daran? Es erscheint mir eher positiv wenn schon 8jährige so schlau sind um Computersysteme zu hacken, 17jährige so schlau sind Geld an der Börse zu machen und was die Frührentner angeht kommen wir zum meinem Kritikpunkt Nummer 2:

    2. Die Infantilisierung wird beklagt. Dabei wird einerseits impliziert dass es vorher besser und andererseits wird keine wirkliche Alternative geboten. Dass es vorher besser war wage ich zu bezweifeln - denn was haben denn die Frührentner der breiten Masse in den Generationen vorher getan? Nun, zunächst waren sie keine Frührentner sondern mussten noch unter z.T. unmenschlichen Bedingungen schuften - und diejenigen welche abends immerhin Freizeit hatten verbrachten diese zwar nicht bei MacDonalds, dafür aber in Kneipen und waren jeden Abend bis Unterkante Oberlippe abgefüllt. Ja, ich weiß ich rühre da einen empfindlichen Punkt an, aber die breite Masse bestand nie aus Philosophen sondern verfolgte eher das Konzept "Bumsen, fressen und besoffen sein".
    Insofern sehe ich nicht wirklich was an der Infantilisierung der Gesellschaft nun eigentlich so schlimm ist. Zumal keine wirkliche Alternative geboten wird. Wir leben nun mal in einer Zeit in der es Lebensmittel im Überfluss gibt und Technologie die auch fürs breite Volk ungeheuren Luxus ermöglicht. Wie genau soll dies denn eigentlich anders genutzt werden?

    Fazit: Die Infantilisierungskritik nennt zwar durchaus einige bedenkenswerte Punkte, kommt aber auch selbst im wesentlichen mehr wie ein unreifer Trotzanfall daher - "Bäh, mir gefällt nicht was die Leute heute so machen, wähwähwäh ... früher war mehr Lametta!"
     
  10. Lupo

    Lupo Meister des Tabernakels

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    Dein Fazit ist zwar interessant, aber so richtig zustimmen kann ich nicht. Es ist ein bisschen mehr daran als einfach nur „früher war alles viel besser“-Nostalgie.

    Im Prinzip geht es doch darum: Sind wir eine solidarische Gesellschaft von selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Individuen oder eine bloße Ansammlung von großen Kindern, die auf Schritt und Tritt bevormundet, gepampert, bespaßt und vor den Anderen beschützt werden müssen?

    Eine ideale Gesellschaft wird es wahrscheinlich niemals geben, stimmt. Und es gab sicherlich noch schlimmere Zeitalter, in denen die Befindlichkeiten übelst missbraucht wurden, stimmt auch. Aber, machen wir uns doch nichts vor: Eine Gesellschaft, die sich infantilisieren lässt, lässt sich auch missbrauchen, wie Du selbst ja auch implizit schreibst. Auch für eigentlich Undenkbares und Unverzeihliches. Das ist nur eine Frage der Skrupellosigkeit der Elternfiguren. Da ist noch alles beim Alten.

    Und zwischen dem letzten ganz üblen Zeitalter und heute gab es eine Zeit, in der die Gesellschaft und unser Staat den Respekt vor dem anderen als selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Individuum erheblich besser drauf hatten als heute.
     
  11. Viminal

    Viminal Großer Auserwählter

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    @Lupo: Wie geschrieben sehe ich viele moderne Verhaltensweisen und gesellschafttliche Trends ebenfalls kritisch. Ich will da gar nicht sagen dass es nichts zu verbessern gibt. Mir fehlt aber an der Infantilierungskritik, dass sie nur kritisiert anstatt eine Vision zu bieten wie sich die Menschen stattdessen verhalten sollen. Ich lese da immer nur heraus dass sich die Leute wieder so wie früher verhalten sollen - aber das ist eben etwas was ich nicht akzeptieren kann. Erstens weil ich meine dass es dieses angebliche bessere Zeitalter gar nicht gab und zweitens weil wir heute nun mal Technologien und Möglichkeiten haben die es früher nicht gab. Es ist für mich z.B. absoluter Nonsens zu sagen die Kinder heutzutage sollen wieder wie früher einfach nur mit Murmeln und Holz spielen und niemals einen Computer anfassen bis sie 18 sind. Es ist Unsinn zu beklagen dass Menschen über 50 heute noch was von ihrem Leben haben anstatt wie früher kränklich siechend auf dem Altenteil auf den Tod zu warten usw.
    Ergo: Kritik an der Moderne gern, aber bitte mit konkreten Alternativen anstatt nur "Früher war alles besser".

    Gegenfrage: Welche Zeit war dass denn und was genau daran bringt dich zu deiner Aussage.
     
  12. Aragon70

    Aragon70 Erhabener auserwählter Ritter

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    Verantwortung für sich selbst übernehmen wäre ein Gradmesser für Infantilität. Infantile könnten Menschen sein die noch mit 40 Jahren bei ihren Eltern wohnen und erwarten das die Mutter kocht und Wäsche für sie wäscht.

    Ich habe keine Statistiken dazu, habe aber nicht das Gefühl das es von dieser Sorte "Muttersöhnchen" heute mehr gibt als in den 80ern. Ich denke eher weniger. Meiner Meinung nach werden Kinder heutzutage eher schneller erwachsen weil sie sich viel schneller Wissen übers Internet aneignen können.

    Laut dem Wiki Artikel spielen 7 Mio Menschen in Deutschland über 50 Video oder PC Spiele. Die Frage ist aber auch hier ob es kindischer ist mit 50 noch Tomb Raider zu spielen als z.B. Unterhaltungsshows anzusehen.
     
  13. Popocatepetl

    Popocatepetl Groß-Pontifex

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    in meinen augen ganz klar letzteres, wobei das natürlich auch vom spiel abhängt. wenn man sich mal das niveau diverser shows mit höchsten einschaltquoten anschaut, aua aua aua...

    zumal auch generell ein großer unterschied besteht, ob man nun aktiv etwas macht oder sich passiv vor den fernseher hockt. ist allerdings im prinzip ein anderes thema bzw es überschneidet sich. TV und videospiele gibt es ja nun auch noch nicht soooo lange. wüsste allerdings nicht, was am spielen zum (mehr oder minder) sinnlosen zeitvertreib an sich schlimm wäre, das haben menschen definitv schon immer getan.
     
  14. Popocatepetl

    Popocatepetl Groß-Pontifex

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  15. Popocatepetl

    Popocatepetl Groß-Pontifex

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    ergänzung: an videospielen kann man allerdings kritisieren, daß die leute da auch eher alleine vor den geräten hocken, statt in geselliger runde zu sitzen.


    außerdem schmeisse ich einfach mal kommentarlos die spieltheorie in den raum.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Spieltheorie
     
  16. a-roy

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    Kindlich ja, kindisch nein!
    Wie war das noch mal:
    Ehe ihr nicht werdet wie die Kinder, sollt ihr nicht eingeh'n in mein himmlisches Reich.
    Bei kindischen Erwachsenen hab' ich immer das Gefühl, dass sie irgendeiner Vergangenheit hinterherweinen, während kindliche Erwachsene sich gewisse Eigenschaften ihrer Kindheit bewahrt haben, z.B. Neugierde oder Unbedarftheit.
     
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