Lupo
Ritter Kadosch
- 3. Oktober 2009
- 6.726
Intensivmedizinisch betreut wird aber auch der Motorradfahrer, den es auf der Landstrasse zerlegt hat, sowie das Kind, das von einem Auto angefahren wurde. Woanders sterben sie einfach.
Die Krankenversicherung ist eine Solidargemeinschaft. Hätte ich die freie Wahl, die Beiträge selbst einzunehmen und stattdessen nicht krankenversichert zu sein - das wäre für mich niemals eine Option. Nicht nur im Blick auf mich selbst, sondern auch im Blick auf andere.
Zumal es zu der Option überhaupt nicht käme, denn es gibt immer einen Mitbewerber, der dich dann irgendwie unterbietet.
Das System mag teuer sein, aber ich finde es überzeugend.
Nun ich hatte ja schon gesagt, dass ich auch mein ganzes Leben in der gesetzlichen Krankenversicherung geblieben bin. Und zwar unter anderem auch aus Solidarität - etwas, was mir in der privaten Krankenversicherung fehlen würde. Mag sich blöde anhören, aber ich hätte nicht mehr gerne in den Spiegel gesehen, wenn ich genau dieser Organisation das Geld entzogen hätte. Genauso, wie ich es eigentlich für eine Ehrensache halte, seine Steuern ordentlich zu bezahlen. Damit z.B. Schulen gebaut werden.
Und mich kotzt ein Staat an, bei dem der letzte Satz naiv klingt bzw naiv klingen muss, weil er lieber Radwege in Peru finanziert und die Schulen verfallen lässt.
Und ähnlich geht es mir im Gesundheitswesen. Ich habe absolute Hochachtung vor jedem, der dort arbeitet. Und weiß, dass wir erstklassige Medizin und Mediziner haben. Wir hatten einmal eine Haushaltshilfe, die kam aus Armenien und hat bei uns erfolgreich Asyl beantragt. Es ging tatsächlich um Leben und Tod: Ihr Kind hatte einen Herzfehler und man hatte ihr in Armenien geraten, nach Deutschland zu gehen, weil er dort richtig versorgt werden könne, während ihm zu Hause nur der alsbaldige Tod blühte. Die Geschichte hatte ein Happy End. Der Kleine hat überlebt und die Familie sich in Deutschland eine neue Existenz aufgebaut. Der Großteil dieser Geschichte spielte sich vor 2015 ab. Nach meinem Dafürhalten ist das eine Geschichte, bei der man durchaus sehr stolz auf sein Land sein kann.
Das System war und ist teuer, und es war überzeugend.
Um die Zeit, als ich nach Ungarn ging, war es das nicht mehr. Wobei ich die positive Aussage vom Jäger zur Versorgung in seiner Gegend nur neidvoll zur Kenntnis nehmen kann. Bei uns war alles viel mehr auf Kante genäht, heikler, mit längeren Wartezeiten verbunden. Aber gut, diese Erfahrung ist episodisch, wie auch die vom Nachbarn.
Jedenfalls gebe ich gerne zu, dass ich, als wir nach Ungarn übersiedelten, einen gehörigen Bammel vor dem dortigen Gesundheitssystem hatte. Überflüssigerweise.
Wir fühlen uns in keiner Weise schlechter versorgt als in Deutschland - und das geht nicht nur uns zwei Beiden so, sondern auch unseren Nachbarn, einem Ehepaar aus München.
Was man auch nicht vergessen darf: Die Krankenversicherung ist das Eine, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, 60% nach 6 Wochen durch die KK, das ist das andere. Eine private Krankenversicherung trägt die Behandlungskosten, aber nicht einen Verdienstausfall (kann man zusätzlich haben und abschließen, unter ca. einer Verdoppelung der moantlichen Beiträge).
Krank oder nicht, das Leben geht weiter, Miete zahlen ... Wie sieht denn eigentlich die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in Ungarn aus?
Also, einfach ganz von vorne. Ich bin nach wie vor bei meiner gesetzlichen KV in Deutschland versichert, und natürlich zahle ich auch die gleichen Beiträge wie in Deutschland. Um in die ungarische KV mit den billigen Beiträgen zu kommen, müsste ich in Ungarn berufstätig sein oder sonstwie ein Einkommen haben.
Die deutsche KV erklärt gegenüber der Ungarischen, dass sie Lupos Kosten im Gesundheitswesen übernimmt, und darauf erhalte ich eine ungarische Krankenversicherungsnummer, sozusagen als die EDV-Eintrittskarte in deren Gesundheitswesen, das in Sachen Digitalisierung erheblich weiter fortgeschritten als in Deutschland ist.
Wie jetzt genau die Abrechnung zwischen Ungarn und Deutschland erfolgt, weiß ich nicht, also ob jetzt fallweise, pauschal oder was weiß ich. Meine KV hat - da kam sogar der mahnende Zeigefinger zum Telefonhörer raus - mir hochnotpeinlich erklärt, dass sie aber nur die Leistungen erstattet, die auch in Ungarn erstattet werden. Gut, ein schadenfrohes Grinsen kann ich mir da nie verbeißen: witzigerweise und unerwarteterweise ssind in Ungarn die Zuzahlungen beim Zahnarzt sogar geringer …
Gut. Wie gesagt, klar die Sprache ist nach wie vor schwierig, und Arztpraxen, Krankenhäuser usw sind bei weitem nicht so schick wie in Deutschland, aber die Qualität und Intensität der Behandlung ist absolut vergleichbar, teilweise sogar besser als in Deutschland - aber das liegt auch am jeweiligen Arzt. Termine bei Fachärzten können lange dauern, vergleichbar wie ich’s aus Deutschland kenne.
Allerdings, es gibt in Ungarn auch Privatärzte unter den Fachärzten, die auf Rechnung arbeiten, Zutritt in die EDV haben, Medikamente verschreiben können usw. Da kostet eine Sprechstunde in der Regel um die 50 EUR. Damit kann man dann notfalls auch mal auf die Überholspur gehen.
Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sind 70% für 15 Krankheitstage im Jahr. Also auch nicht ganz schlecht. Ich wäre damit während meiner gesamten aktiven Zeit ausgekommen. Auch andere Leistungen, wie z.B. Hospiz gibt es - ich habe beim schnell googeln sogar ein Kostenloses gefunden, aber glaube nicht, dass das die Regel ist. Auch sonstiges, wie z.B. Krebsvorsorge wird angeboten.
Vielleicht ist wird jetzt auch etwas deutlicher, dass man durchaus aus allen Wolken fällt, wenn man dann die Kostenseite betrachtet.
Generell sind die Ungarn nicht das Land, in dem man einfach irgendwen leiden und sterben lässt. Allerdings sind hier die zwischenmenschlichen Strukturen noch intakter als in Deutschland. Ungarn hat 10 Mio Einwohner, und die meisten Einwohner leben in Kleinstädten und Dörfern. Da gibt es sogar noch die Gemeindeschwester, die täglich nach den Hilfsbedürftigen im Ort sieht. Und natürlich den Familienverbund - der für praktisch jeden Ungarn, den wir kennen, das Zentrum darstellt.
Mit der mir eigenen spitzen Zunge würde ich sagen, dass die Ungarn noch ihr Leben selbst leben und gestalten und nicht bei jedem Scheißerle nach staatlicher Lösungsfindung und Bemutterung rufen. Ein anderes nettes Detail: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind in Ungarn kostenlos für Jugendliche und Menschen >65 Jahre. Ist doch faszinierend, was die Verwaltung auch eines kleinen, nicht sonderlich wohlhabenden Landes zu leisten vermag, wenn sie davon absieht, das Klima und die Welt retten zu wollen oder Radwege in Peru zu bauen.
Übrigens, wenn es um Wert oder Nicht-Wert eines Menschenlebens geht: In Ungarn gilt es noch als schweres Verbrechen, das voraussichtlich auch entsprechend geahndet wird, anderen Menschen den Schädel mit dem Hammer einzuschlagen. In Deutschland ist das laut Gericht ja der Ausdruck einer ehrbaren Gesinnung und da macht man sich viel eher Sorgen von höchster politischer Seite, dass die ungarische Justiz zu hart mit den Tätern umgehen könnte …
Ich liebe mein Heimatland bin aber zugleich auch enttäuscht und entsetzt, wie sehr dort die Bodenhaftung abhanden gekommen ist.