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Baden-Baden. Toulouse. Carcassone. Reisethread, Glanz und Abglanz.

Giacomo_S

Ritter des Heiligen Andreas von Schottland
13. August 2003
4.936
Seit etwa 10 Tagen befinde ich mich auf Reisen.
Zunächst nach Baden-Baden, das hatte allerdings familiäre (und finanzielle) Gründe. Danach ging es nach Toulouse weiter und seit heute bin ich in Carcassonne (beides Frankreich). In Toulouse & Carcassonne war ich noch nie und es handelt sich um von mir ausgewählte Ziele.

Toulouse hat mir an sich ganz gut gefallen, und die mittelalterliche Festungsanlage von Carcassone ist sehr beeindruckend, geradezu atemberaubend. Es war die Reise in jedem Fall wert, Toulouse, und Carcassone, das muss man echt gesehen haben. Ich habe zwar einige Fotos gemacht, aber die Fotos können die eigene Wahrnehmung & das Erleben kaum wiedergeben. Es fehlt ihnen der Eindruck der Tiefe, und die mangelnde Dynamik der Pille-Palle-Digicam kann die deutlich sichtbaren Pyrenäen am Horizont nicht abbilden.

Und dennoch, es ergreift mich eine gewisse Melancholie. Denn eines haben die drei Orte, die unterschiedlicher kaum sein könnten, gemeinsam: Auf den Hauptstrecken, da ist alles glanzvoll, weicht man aber nur ein paar Nebenstraßen von ihnen ab: Da ist der Verfall unübersehbar. Geschlossene Läden, Restaurants und Bars, oft noch mit dem Gerümpel darin. Eingestaubt, offenbar war hier schon länger niemand mehr darin. Heruntergekommene Häuser, ob bewohnt oder leerstehend ...

Bleiben wir beim Thema Carcassonne, da wird mein Thema vllt. am besten deutlich (heute war ich allerdings nur kurz dort, heute erst angekommen, das Wetter wurde am Nachmittag zu heiss).
Es ist hier sehr touristisch, das hatte ich auch anders nicht erwartet. Man führt Gruppen herum, ganze Schulklassen ... viele Menschen, und alle halbe Stunde fährt eine motorgetriebene Straßen-Bimmelbahn ganze Gruppen von Besuchern umher. Verlässt man die Cité von Carcassonne jedoch, dann spaziert man umgehend an teils gespenstischen Straßenzügen entlang ... mit bereits vergilbten Schildern: Zu vermieten, zu verkaufen ...

Persönlich werde ich einen gewissen Eindruck nicht los, trotz der unzweifelhaft historischen Architektur: Disneyland (wo ich glücklicherweise noch nicht war).
Solange man "auf dem Gelände" ist, solange gibt es da eine gewisse Show, verlässt man es, ist alles marode ... man scheint es heutzutage nicht mehr hinzubekommen, einerseits diese Orte (wieder-) zu beleben, und ihnen dennoch die Würde zu lassen, die sie verdienen. Allenfalls wird so eine Art mittelalterliches Disneyland daraus.

Vielleicht täuscht mein bislang eher kurzer Eindruck aber auch. Morgen habe ich noch einen ganzen Tag hier, ich werde ich danach noch berichten.
 

Giacomo_S

Ritter des Heiligen Andreas von Schottland
13. August 2003
4.936

Später sah ich mir noch anderes an ... im Rückblick: Meine Kurzreise nach Okzitanien, in den Südwesten Frankreichs, war großartig!
Am liebsten wäre ich gleich da geblieben.

Dabei habe ich es gar nicht so krachen lassen, vielmehr habe ich mich ausgeruht.
Die Menschen waren großartig, höflich, ja herzlich. Mir gefällt diese französische Höflichkeit sehr, Bonjour Madame, Monsieur, s'il vous plait, marci, avec plaisir!

Die Organisation des ÖPNV ist, vor allem im Vergleich zu deutschen Verhältnissen, vorbildlich. Bei meiner Rückreise Carcassonne ==> Toulouse entschied ich mich anders und erwarb an einem Fahrscheinautomaten am Bhf. ein neues Ticket, numehr für einen Schnellzug, eine Verbindung ohne Zwischenhalt überhaupt. Der Automat erwartet die Eingabe deiner emailadresse, und nach Abschluss des Vorgangs hast du innerhalb von Sekunden dein Ticket auf deinem SP, ohne App-Download oder ähnlichen Murks.
Automatisch hat er dir dann einen Sitzplatz reserviert, ohne Aufpreis, und diesen gibt es auch, ohne Ausfall eines Buchungscomputers im Zug - denn dieser existiert erst gar nicht. Vielmehr sitzen alle anderen Fahrgäste auch auf reservierten Plätzen, weshalb es keinen Grund dafür gibt, dass jemand fremdsitzt. Ganz einfach, oder?

In der Stadt kommt schon mal der eine oder andere und schnorrt Kleingeld. An den Bahnhöfen und Flughäfen selbst aber, bei uns der Aso-Treff, da hast du deine Ruhe. Und kaum, dass ich wieder in München am Flughafen angekommen war, hatte ich an der S-Bahn-Station die nächste Polen-Tschechien-Ossi - Nervensäge wieder an der Backe! Und während man in Frankreich selbst in der Provinz einfach pünktlich einsteigt und losfährt, erwartet einen bei der Rückkehr nach Deutschland wieder die Störung, das geht nicht, der zu spät, der fährt gar nicht.
 

Giacomo_S

Ritter des Heiligen Andreas von Schottland
13. August 2003
4.936
Baden.Baden ist einmalig

Übernächste Woche reise ich wieder nach Baden-Baden und die Woche drauf - diesmal für zwei Wochen - nach Toulouse.

Baden-Baden ist unbedingt eimalig ... aber irgendwie auch etwas merkwürdig. München kann ja schon schickimicki sein, aber das ... so eine Kleinstadt, gerade einmal 80.000 Einwohner, und eine dermaßene Dichte an Edelgeschäften.
 

Giacomo_S

Ritter des Heiligen Andreas von Schottland
13. August 2003
4.936
Bin heute aus Baden-Baden zurückgekehrt, wo ich mich für ein paar Tage aufhielt. Mein Bruder lebt dort.
Baden-Baden ist ein seltsamer Ort. Mein Bruder lebt gut dort, aber ich könnte Baden-Baden auf Dauer nicht aushalten, ohne völlig durchzudrehen, auf welche Weise auch immer. Vielleicht bin ich zu bodenständig, ja zu proletarisch für so ein luxuriöses Disneyland.

Aber immerhin, mindestens (!) einen Kick hat die Reise gehabt, einen spirituellen Wink geradezu; Praktisch im Vorübergehen, "en passant" fand ich das Starterpack für meine Auffrischung der französischen Sprache, das ich schon so lange anvisiert hatte. Übermorgen reise ich für zwei Wochen nach Toulouse, Frankreich ab. Ich werde das kleine Straßencafé und die Szenekneipe aufsuchen, die ich bereits im April besucht hatte - und ob man mich wiedererkennt ...
... ich freue mich schon sehr darauf.
 

Giacomo_S

Ritter des Heiligen Andreas von Schottland
13. August 2003
4.936
Gestern kam ich in Toulouse an. Das kleine Straßencafé und die Szenekneipe fand ich aus meiner Erinnerung vom April leicht wieder.
Die Leute waren großartig, ja herzlich und ich fand schnell Anschluss. Aber ja: In Frankreich, da sollte man etwas Französisch beherrschen. Ist das der Fall, dann hat man allerdings schnell die Sympathie der Menschen hier. Klar, es gab auch den einen oder anderen Witz über Deutsche, "les bosches" ... ich nahm es als Lokalkolorit, blieb bescheiden und erlaubte mir hier und da einen harmlosen Witz über Franzosen - und sie lachten darüber noch lauter!

Und dann sind da ... die Frauen. Sie sind selbstbewusst, gleichwohl fraulich und natürlich, in gewisser Weise mehr emanzipiert als deutsche Frauen. In den kleinen Dingen des Alltags wirken sie weniger "schnippisch" oder "zickig" als vergleichbare Geschlechtsgenossinnen in D. Sie sind zierlicher und kleiden sich mehr körperbetont, selbst die Punks - die es hier noch zu geben scheint, während sie in D in der jungen Generation fast verschwunden sind. An so viel Darstellung des Körpers muss man sich erst gewöhnen, schließlich möchte man ja nicht als starrender alter Sack wahrgenommen werden. Anderseits "starrren" die Franzosen schon auch, mehr als wir Deutschen, also scheine ich da irgendwie in irgendeinem Fluss mitzuschwimmen.

Mir gefällt diese, wenn auch distanzierte Höflichkeit der Franzosen sehr. Ich übe mich nach bestem Wissen & Gewissen in diesen Dingen, und sicher werden die Menschen hier bemerken: Ich bin hier ein Gast und kein Einheimischer. Die Reaktionen der Leute sind aber duchweg positiv, ja souverän, man stellt einfach fest: Das alles ist hier nicht gespielt für irgendein Tourismus-Disneyland, sondern hat vielmehr eine lange Tradition der Gastlichkeit.
 

emanuell

Geselle
27. September 2026
6
Das ist ein interessanter Eindruck. Gerade dieser Gegensatz zwischen den schön herausgeputzten touristischen Bereichen und den weniger gepflegten Straßen fällt wahrscheinlich vielen Reisenden auf. Bei Carcassonne kann ich den Vergleich mit einer Art „mittelalterlichem Disneyland“ sogar ein Stück weit nachvollziehen – die Cité wirkt fast wie eine eigene Welt, während sich außerhalb davon schnell ein ganz anderes Bild zeigt.

Trotzdem finde ich gerade solche Gegensätze auf Reisen interessant. Ein Ort muss ja nicht überall perfekt aussehen, um einen besonderen Charakter zu haben. Toulouse und Carcassonne stehen ohnehin für eine ganz andere Atmosphäre als Baden-Baden.

Dein späterer Eindruck von Okzitanien klingt jedenfalls deutlich positiver. Besonders die Beschreibung der Menschen und des öffentlichen Verkehrs macht Lust, die Gegend selbst einmal zu besuchen. Ich war bisher noch nicht dort, aber Carcassonne steht bei mir definitiv auf der Liste.
 

Giacomo_S

Ritter des Heiligen Andreas von Schottland
13. August 2003
4.936
Check-Out bis 10:00, Check-In ab 16:00 Uhr: Ich reise weiter und es ist genug Zeit, weiter zu berichten.

Toulouse: In Frankreich zahlt man selbst die kleinsten Einkäufe mit der Karte ... und ich ahne, warum das hier so anders ist als in D. Frankreich muss ein ziemliches soziales Problem haben, denn die Leute schnorren hier bei jeder sich gebenden Gelegenheit, Tabak, vor allem aber auch Geld. Nicht die rumänischen Bettelbanden, die man aus D bisweilen nur zu gut kennt, sondern ganz gewöhnliche Franzosen. Darunter auch Menschen, von denen man nicht im Traum annehmen würde, sie hätten das nötig. Selbst der Gang zum Geldautomaten kann ein steiniger Weg sein ... denn der ist meist in der Außenfassade des Gebäudes und der/die nächste Schnorrer*in sitzt bereits daneben.
Tabak, in D auch nicht gerade billig, kostet in F allerdings fast das Dreifache.

Nicht einmal in den Außenbereichen der Gastro bleibt man von Schnorrern verschont. Sie sind nicht aggressiv, und sie werden auch nicht aggressiv vertrieben. Stattdessen wird man zum Zuhörer einer heruntergeleierten Lebensgeschichte, und man gibt ihnen etwas Kleingeld, damit sie wieder gehen. Das ganze Szenario scheint hier schon so normaler Alltag zu sein, dass man schulterzuckend mehr damit lebt, als es noch irgendwie beeinflussen oder verändern zu wollen.
Möglicherweise kann man ihnen aber auch erzählen: Pardon, ich habe überhaupt kein Geld bei mir, denn ich bezahle alles mit der Karte. Denn Kartenlesegeräte für Schnorrer, die gibt es offenbar noch nicht.

Gut, vllt. ist das aber auch Toulouse. Heute reise ich weiter nach Villefranche-de-Laugrais, eine Kleinstadt südöstlich von Toulouse, für 3 Tage, dann weiter nach Castelaudry, 3 Tage, Narbonne, 3 Tage und auf dem Rückweg noch einmal Carcassonne für 3 Tage. Mal sehen, wie es da so ist.
 

Giacomo_S

Ritter des Heiligen Andreas von Schottland
13. August 2003
4.936
Villefranche-de-Laugarais war super, aktuell bin ich in Castelnaudary. In den Kleinstädten lernt man offenbar die wahren Franzosen kennen. Die Menschen sind reservierter, zurückhaltend und es wird nicht geschnorrt.
Eigentlich wollte ich von hier aus nach Narbonne weiter im Südosten reisen. Doch mein Airbnb in Narbonne musste leider storniert werden. Es hat ein Unwetter gegeben und in dieser Wohnung einen massiven Wasserschaden ausgelöst. Dabei habe sie die Wohnung gerade erst gekauft, so die Eigentümerin. Das kann einem ja auch leid tun.

Meinen ursprünglichen Reiseplan habe ich daher wieder geändert. Zwar hätte ich auch für Narbonne umbuchen können, aber man möchte ja nicht in ein Katastrophengebiet reisen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Auch schon deshalb nicht, weil es doch irgendwie garstig ist, da als Tourist die gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Stattdessen fahre ich retour nach Toulouse und verbringe dort noch ein paar Tage. Auch Carcassonne habe ich gecancelt. Ich möchte nicht riskieren, dass die SNCF ggf. noch die Bahnstrecke sperren muss und ich dadurch meinen Rückflug riskiere.

Mal allgemein zu Airbnb:

Meine Erfahrungen mit Airbnb waren i.A. gut, auch wenn ich meiner Unterkunft in Toulouse im Detail nur die Note 3- vergeben kann (die gestellte Wäsche war zwar sauber, aber doch bereits etwas grau ...). Das Preis/Leistungsverhältnis übertrifft oft jenes einfacher Hotelzimmer, zumal es hier offenbar üblich ist, dass ein Frühstück im Hotel ohnehin eine extra zu bezahlende Leistung ist. Man findet i.d.R. eine voll ausgestattete Küchenzeile sowie eine Waschmaschine vor, was vieles einfacher macht. Auch die Buchungen haben immer tadellos und kurzfristig funktioniert, wenn auch das Check-In mit teils abweichenden Prozedere etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Mit der Zeit habe ich ein paar Gemeinsamkeiten der Airbnb-Wohnungen erkennen können:
- Bislang lagen alle meiner Unterkünfte ausnahmslos im EG, teils mit Fenster zur Straße (daher vermutlich auch der Wasserschaden bei der Unterkunft in Narbonne). Dementsprechend dunkel sind sie dann auch, teils braucht man auch tagsüber künstliches Licht.
- Für einen Reisenden sind die Unterkünfte absolut i.O. und meist größer und besser ausgestattet als ein Hotelzimmer. Dennoch wird man den Eindruck irgendwie nicht los: In diesen Wohnungen möchte man auf Dauer nicht wohnen, zumindest dann nicht, wenn es andere Möglichkeiten gibt.
- Bei der Unterkunft in Villefranche-de-Lauragais vermute ich sogar, dass man sie überhaupt erst für Airbnb zu einer Wohnung umgebaut hat und dass das Gebäude ursprünglich einem anderen Zweck diente, Lagerraum o.ä.
- Den bisweilen geäußerten Vorwurf, Airbnb würde fehlenden Wohnraum weiter verknappen, halte ich daher für zu kurz gedacht. Wahrscheinlich würden diese Objekte als gewöhnliche Wohnungen mehr leer stehen als bewohnt werden. Denn selbst wenn jemand da einzieht, so zieht er auch bald wieder aus, sobald er etwas besseres gefunden hat. Das wäre für den Vermieter kaum kostendeckend, denn bestimmte Grundkosten hat jede Wohnung auch im Leerstand.
- So aber werden durch Airbnb diese Wohnungen wenigstens bewohnt. Außerdem tut es Wohnungen oft nicht gut, wenn sie länger leer stehen.

So gesehen sind die eigentlichen Verlierer von Airbnb nicht die Wohnungssuchenden, sondern vielmehr einfache Hotels, sprich: Absteigen. Im April diesen Jahres hatte ich z.B. ein Hotelzimmer in Toulouse, das mag man schon gar nicht mehr so nennen. Das war mehr ein Schlafwagen-Abteil mit einer Astronauten-Nasszelle, mit einem an der Decke befindlichen Klappfenster zu einem Lichtschacht. Solche Objekte werden sich für die Zukunft neu orientieren müssen, denn für mehr oder weniger dasselbe Geld bekommt man durch Airbnb ungleich mehr geboten.

Alles hat bekanntlich auch seine Nachteile, so auch Airbnb:
- Man muss sich darauf einstellen, bei den Nachbarn im Haus nicht unbedingt beliebt zu sein. In Baden-Baden hatte ein Nachbar sogar Pamphlete im Flur ausgelegt, "Airbnb is killing community" und auf der Straße klebte ein Anti-Airbnb-Aufkleber. Man übt sich also besser in einem rücksichtsvollen und höflichen Auftreten - aber das ist ja für einen Touristen sowieso die Ansage.
 
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