@Hilda
Ismael wollte wohl das Thema "Antichrist im Islam" anschneiden. Der islamischen Tradition nach wird der Antichrist "Daddschal" genannt. Es gibt eine Reihe von Berichten des Propheten Muhammed(s) über das Auftretten des Daddschal. Die islamischen Theologen haben aber recht unterschiedliche Interpetationen dieser Berichte geliefert. Einigen zufolge handelt es sich dabei um eine Person, einen großen Verführer (demnach der Daddschal ein großer Demagoge ist und dank charismatischen Auftrettens "das Wahre als Lüge und die Lüge als Wahrheit" darstellt). Dann gibt's Deutungen die von mehreren (jeweils zu verschiedenen Epochen)Daddschal ausgehen. Auch wurde in der islamischen Welt oft über die "Zeichen" des Daddschal diskutiert. Bei diesen "Zeichen" des Daddschal handelt es sich wiederum um Aussagen des Propheten Muhammed(s) bezüglich Aussehen, Handlungen, räumliches und zeitliches Auftreten usw. des Daddschal. Die Auslegungsproblematik kristalisierte sich generell in der Frage ob die Daddschal-Berichte des Propheten Muhammed(s) wörtlich oder methaporisch zu deuten seien.
Für Nicht-Muslime sehr gut geeignet ist ein Text von Muhammad Asad. Asad war gebürtiger (europäischer) Jude (geboren in Galizien, deutschsprachig) und trat Anfang der 1920er Jahre zum Islam über. Von Beruf Journalist und Schriftsteller brachte er eine sehr intellektuelle Sichtweise mit. Deshalb denke ich das er besodners für Europäer eine verständliche Sprache verwendet (wird für den einen oder anderen verständlicher sein als die klassische Terminologie der islamischen Theologie).
DADDSCHAL-Auszug aus dem Buch "Der Weg nach Mekka" von Muhammad Asad.
(...)Das trifft gewiß auf den jungen Harb-Beduinen zu, der soeben dem Scheich erzählt hat, was er auf seiner jüngst vollendeten Reise nach dem Irak erlebt hat. Er hat dort zum ersten Mal die sagenhaften farandschi gesehen - das sind Europäer (die diese Bezeichnung den fränkischen Rittern verdanken, mit welchen die Araber während der Kreuzzüge in Berührung kamen) - und ist voller Fragen über diese seltsamen Fremden:
"Sag mir, o Scheich, warum tragen die farandschi auf dem Kopf Hüte, die ihre Augen beschatten ? Hindert sie denn das nicht daran, den Himmel zu sehen ?"
"Vielleicht liegt ihnen gerade daran, ihn nicht zu sehen", entgegnete der Scheich, mir mit den Augen zuzwinkernd. "Vielleicht befürchten sie, der Anblick des Himmels könnte sie an Gott erinnern - und sie wollen nicht wochentags an Gott erinnert werden..."
Wir alle lachten, aber der junge Beduine ist hartnäckig in seinem Wissensdurst. "Wieso kommt es dann, daß Gott ihnen so gnädig ist und ihnen Reichtümer gewährt, die Er den Gläubigen verweigert ?"
"Oh, das ist ganz einfach, mein Sohn. Sie beten Gold an, und so haben sie ihre Gottheit immer in der Tasche... Aber mein Freund hier" - und er legte mir die Hand aufs Knie - "weiß mehr als ich über die farandschi, denn er kommt ja selbst von ihnen: Gott, gepriesen sei sein Name, hat ihn aus jener Dunkelheit zum Licht des Islam geführt."
"Ist es wirklich so, o mein Bruder ?" fragt der junge Beduine erstaunt. "Bist du wirklich selber ein farandschi gewesen ?" - und da ich nickte, flüstert er "Preis sei Gott, Preis sei Gott, der auf den rechten Pfad führt, wen es Ihm gefällt... Sag mir aber, Bruder, warum achten denn die farandschi Gottes so wenig ?"
"Das ist eine lange Geschichte", antwortete ich, "und man kann sie nicht in wenigen Worten erklären. Ich kann dir jetzt nur eins sagen: die Welt der farandschi ist zur Welt des Daddschal geworden, des Glitzernden, des Trügerischen... Hast du je von der Vorhersage des Heiligen Propheten gehört, daß eine Zeit kommen würde, in welcher die meisten Menschen dieser Welt dem Daddschal folgen werden, im glauben, er sei Gott ?"
Und da er mich fragend anblickte, erzählte ich ihm, zu Scheich Ibn Bulayhids sichtlichem Gefallen, von Muhammeds Prophezeiung über jenes apokalyptische Wesen, den Daddschal: "Er ist Blind auf einem Auge, besitzt aber geheimnisvolle Kräfte, die Gott ihm verliehen hat. Er vernimmt mit seinen Ohren, was man an den fernsten Enden der Welt spricht, und sieht mit seinem einen Auge, was in unendlichen Fernen vor sich geht; er fliegt in ein paar Tagen um die ganze Erde, läßt Gold-und Silberschätze plötzlich aus den Schächten der Erde auftauchen; auf seinen Befehl fällt Regen und sprießen die Pflanzen; er tötet und macht wieder lebendig - so das alle, die schwachen Glaubens sind, zu wähnen beginnen, er sei Gott selbst, und sich vor ihm in Anbetung niederwerfen. Diejenigen aber, deren Glaube stark ist, können deutlich lesen, was mit Flammenbuchstaben auf seiner Stirn geschrieben steht: Verneiner Gottes - und so wissen sie, daß er nur ein trugbild ist, gesandt, den Glauben der Menschen zu Prüfen..."
Und während der junge Beduine mich mit weitoffenen Augen anstarrt und murmelt: "Ich nehme Zuflucht zu Gott", wende ich mich an Ibn Bulayhid:
"Ist nicht dieses Gleichnis, o Scheich, eine passende Beschreibung der modernen technischen Zivilisation ? Sie ist 'einäugig': das heißt, sie sieht nur die eine Seite des Lebens - Fortschritt im Materiellen - undgewahrt nicht seine seelische Seite. Mit Hilfe ihrer mechanischen Wunder ermöglicht sie dem Menschen, weit über seine naturgegebene Fähigkeit hinaus zu sehen und zu hören und unendliche Entfernungen mit unglaublicher Geschwindigkeit zu durcheilen. Ihre Wissenschaft läßt 'den Regen fallen und Pflanzen wachsen' und hebt aus dem Dunklen der Erde ungeahnte Bodenschätze. Ihre Medizin bringt Leben denen, die dem Tode verfallen zu sein scheinen, während ihre Kriege und wissenschaftlichen Schrecknisse Leben zerstören. Und ihr materieller Fortschritt ist gewaltig und glitzernd, daß die Schwachen im Glauben ihn als etwas Göttliches und Anbetungswürdiges anzusehen beginnen; aber diejenigen, die sich ihres Schöpfers bewußt geblieben sind, erkennen deutlich, daß eine Anbetung des Daddschal der Verneinung Gottes gleichkommt..."
"Du hast recht, o Muhammed, du hast recht !" ruft Ibn Bulayhid aus und schlägt mir aufgeregt aufs Knie. "Es ist mir noch nie eingefallen, die Daddschal-Prophezeiung in diesem Licht zu betrachten: aber du hast recht! Anstatt zu erkennen, daß alle menschlichen Entwicklungen und aller Fortschritt der Wissenschaft nur eine Gnade Gottes ist, glauben mehr und mehr Menschen in ihrer Torheit, all dies sei Ziel an sich, der Anbetung würdig..."
(Der Weg nach Mekka, Muhammad Asad, s. 340/342)



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